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reizende Wohnluft

Reizende Wohnluft tränende Augen

Reportage aus dem Brückenbauer Nummer 4, Januar 1987. Nach mühseligen Kämpfen mit Architekt, Generalunternehmer und Handwerkern zieht die Familie Schawinski ins verdienter Eigenheim. Zwar riecht der Kellerraum säuerlich, und in der Luft der Wohnzimmer hängt trotz intensivem Durchzug ein beißender Geruch.

Ina Schawinski, Frau des Radio 24- Gründers, traut der Sache nicht und möchte den Umzug verschieben – zu Recht, wie sich bald herausstellt. Kaum eingezogen, wird sie krank: Die Augen brennen, der Brustkorb schmerzt, ihre Atemwege sind entzündet, die Beine schwer. Nachts wälzt sich die Familie schlaflos in den Betten. Die Kleinkinder Kevin und Joelle werden von Tag zu Tag quengliger. Sie klagen über Rücken- und Nasenschmerzen. Dann bekommt Ina Schawinski am ganzen Körper braune Flecken; ihr fallen ganze Haarbüschel aus. Später diagnostizieren die Ärzte Hormonstörungen und eine Veränderung des Blutbildes wie bei Leukämiekranken.

Erst nach Wochen bestätigen auch die Mediziner, was Ina Schawinski als erste vermutete: Ursache ihrer Krankheit ist eine Vergiftung – schuld sind die Chemikalien im Haus. Die ganze Familie ist durch Wohngifte geschädigt worden.

Die herbeigerufenen Toxikologen der ETH Zürich verspüren bei ihrer Visite leichte Schleimhautreizungen, einige auch Augenbrennen und später Kopfweh. Die Wohnung wird mit Akribie auf mögliche Gifte abgesucht. Doch die Messungen bringen kaum etwas:“ Mit unseren Untersuchungen haben wir keine chemischen Substanzen gefunden, die nach heutigem Wissensstand im gefundenen Konzentrationsbereich Reizwirkungen verursachen können“, hält das Toxikologische Institut als Schlussfolgerung in seinem Gutachten fest. Allenfalls käme auch eine Allergie auf Pollen frühblühender Bäume in Frage, rätseln die Experten.

Die niederschmetternde Antwort erreicht die verseuchte Familie im Innerschweizer Exil. Denn Schawinskis haben ihr Traumhaus, das zum Alptraum wurde, in Sorge um ihre Gesundheit verlassen.

Mit Wissenschaftlich erhärteten Fakten wollten sie für ihr Recht kämpfen und den Generalunternehmer zur Rechenschaft ziehen. Doch allmählich geht ihnen auf , dass sie am kürzeren Hebel sitzen, weil Wohngifte für den Gesetzgeber offensichtlich kein Thema sind. Selbst die Entdeckung, dass im Hausinnern völlig unnötig über 80 Kilo Holzschutzmittel verpinselt wurden, hilft nichts. Denn gegen ein Heer abblockender Baufachleute und Giftexperten sitzen sie auf verlorenem Posten.

Ihrer Empörung machen Roger und Ina Schawinski im Erlebnisbericht „Vergiftet!“ Luft:“ Wie wir ein Haus bauten, das uns krank machte. „Denn sie glauben, bei weitem nicht die einzigen Opfer zu sein. Mit ihrem Fall wollen sie die Öffentlichkeit wachrütteln, in der Hoffnung, der eingeleitete Bewusstseinsprozess verhelfen der Schweizer Bevölkerung zu einem besseren Schutz vor dem Gift in den eigenen vier Wänden.

Kantonschemiker bestätigen, dass die prominenten Opfer mit ihrem Problem tatsächlich nicht allein dastehen. Immer mehr Leute stellen die bange Frage, ob ihre ausgetrockneten Schleimhäute, der hartnäckige Husten, das chronische Kopfweh oder die Schlaflosigkeit etwas mit der neuen Wohnung zu tun haben könnten.

Der Basler Kantonschemiker Martin Schüpbach wehrt sich dagegen, diese Besorgnis einfach als Hysterie abzutun. Denn die Angst vor Wohngiften ist berechtigt. Von der breiten Bevölkerung wird das Giftpotential in Innenräumen eher unterschätzt, weil viele Leute mit unklarem Krankheitsbild wohl zuletzt an eine Gesundheitsbeeinträchtigung durch Chemikalien in der eigenen Wohnung denken. „Kleine Giftmengen wirken unspezifisch; das gibt diffuse Symptome. Deshalb lässt sich kaum etwas beweisen“, erklärt Martin Schüpbach.

Doch dieses Gift ist heute überall. Schuld daran ist die „Chemisierung“ der Baubranche in den letzten Jahrzehnten. Bestanden die Häuser früher weitgehend aus natürlichen Materialien, pflastern und pinseln die Handwerker inzwischen mit unzähligen Chemikalien um sich. „Diese Stoffe werden eingesetzt , weil sie sich technisch bewähren; doch nach der Gesundheit fragt niemand“, kritisiert Martin Schüpbach und meint:“ Da wird mit einer Sorglosigkeit umgegangen, die einem den Schrecken einjagt.“

Die Wahl der Materialien bei Um- und Neubauten treffen selten die zukünftigen Bewohner. Sie sind ganz dem Gutdünken von Architekt und Bauführung ausgeliefert. Da werden Isolierschäume in Hohlräume gespritzt, aus denen während Monatender Reizstoff Formaldehyd dampft.

Das Gift entweicht auch aus billigen Import-Spanplatten, die etwa in Einbauschränken Verwendung finden. Schädlingstötende Substanzen in Holzschutzmitteln und Farben können über Jahre die Raumluft verseuchen. Hochsiedende Lösungsmittel aus Lacken, Farben, Klebern und Dichtungsmassen verstinken die Atmosphäre. Auch Zusätze in Beton, Gips und Mörtel, Kunstharzputze, Teppichklebern oder Weichmacher sind Belastungsquellen.

Der Schaffhauser Kantonschemiker Roger Biedermann wirft der Branche vor, dass sie häufig versuche, mit viel Chemie – etwa Schutzanstrichen gegen Feuchtigkeit – schlechtes Bauen zu kaschieren. Als eigentliche Falle erweist sich dabei die immer bessere Fensterisoliertechnik mit Gummi-Fugen, durch die kaum mehr Frischluft ins Innere dringt. Wo schlecht oder sparsam gelüftet wird, ballt sich so binnen Stunden ein Schadstoffgemisch zusammen, das kann von den Bewohnern über die Atemwege aufgenommen wird.

Bei minimem Luftaustausch stauen sich nebst den Chemikalien aus Baumaterialien und Spanplatten-Möbel auch noch andere Gifte: Tabakrauch, Stickoxide von Gasherden, Putzmitteldämpfe, Lacke, Insektenvertilgungs-Sprays und weitere Haushaltchemikalien.

Albert Aebi, Chef der Abteilung Gifte beim Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG), betont, hier liege die Verantwortung beim Bewohner, weil er selbst die Belastung erzeuge. Als Beispiel erwähnt er die Insekten-Sprays:“ Was die Insekten tötet, atmen wir auch ein. Das ist natürlich auch für uns giftig.“

Menschen, die nicht im Freien arbeiten, verbringen durchschnittlich 90 Prozent ihrer Lebenszeit in Innenräumen. Die Qualität der Raumluft ist deshalb besonders wichtig. Doch gerade hier treten je nach Bauart und Benutzer Schadstoff-Konzentrationen auf, die atemberaubender sind als die Luftverschmutzung in den Hauptstrassen abgasverpesteter Städte.Falsche Prioritäten

Die Informationsstelle Umweltchemie (ISU), eine Dienstleistung der großen Umweltschutzorganisationen, kritisiert, dass ausgerechnet für eines der wichtigsten “Lebensmittel“, nämlich die Luft in Wohn- und Aufenthaltsräumen, ein griffiges Gesetz fehle. Weder die Luftreinhalte-Verordnung noch Lebensmittel- oder Giftsgesetz decken diesen Bereich genügend ab. „Das Bundesamt für Gesundheitswesen hat diesbezüglich maßlos geschlafen; da werden vollkommen falsche Prioritäten gesetzt“, ärgert sich Roger Biedermann:“ uns stinkt es langsam, jedem Detail nachzurennen, derweil die großen Probleme nicht gelöst sind.“

Bereits anfangs der achtziger Jahre, als in der BRD Vergiftungsfälle durch Pentachlorphenol in Holzschutzmitteln für Aufsehen sorgten, forderten die Kantonschemiker den Bund zum handeln auf. Für erstmals in Verkehr gebrachte Grundstoffe oder Chemikalien, zu denen neue Erkenntnisse vorliegen, ist in der Schweiz der Fachausschuss zur Beurteilung von Giften zuständig. In diesem Gremium sind Experten mehrerer Bundesstellen, das Toxikologische Institut der ETH sowie die Kantonschemiker vertreten. Der Ausschuss besorgt die Giftklassen-Einteilung und ordnet jedem Stoff eine Gefährdungszahl zu.

Mit dem Anliegen eines Anwendungsverbots von Pentachlorphenol für Innenräume kamen die Kantonschemiker in diesem Gremium nicht durch. Der Einfluss der Industrie sei eben auch ohne direkt Vertretung groß, weiß Martin Schüpbach. Insbesondere dem BAG wird vorgeworfen, sich zu einseitig auf die Argumente der Produzenten abzustützen. Im Fall der umstrittenen Holzschutzmittel schien der Giftbehörde „der schlüssige Beweis von spitalkranken Menschen zu fehlen“. Wie der Basler Kantonschemiker erklärt. „Da wird eben viel zu viel auf die akute Toxizität abgestellt und zuwenig auf die Gesamtgefährlichkeit“, bemängelt Roger Biedermann.

Was das Bundesamt für Gesundheitswesen unterließ, hat inzwischen das Bundesamt für Umweltschutz (BSU) getan. In der Stoffverordnung wird die Verwendung von Pentachlorphenol- Holzschutzmitteln ab September 1989 verboten, und zwar aus Umweltschutzgründen: Bei der Verbrennung des Stoffs kann nämlich das hochgiftige Dioxin entstehen.Langwieriges Prozedere

Zu einem Seilziehen im Fachausschuss kam es auch beim Thema Formaldehyd. Ebenfalls vor Jahren forderten die Gesundheitsbehörden der Kantone vom Bund einen maximal zulässigen Wert für die Raumluft. Das Gas reizt schon in kleinster Konzentration die Schleimhäute und kann bei Allergikern Kopfweh und Migräne auslösen.

Es dauerte Jahre, bis sich das BAG zu einem Richtwert von 0.2 Kubikzentimetern Formaldehyd pro Kubikmeter Raumluft durchdringen konnte – und diese Grenze ist erst doch doppelt so hoch wie in der BRD angesetzt.

Die Betroffene Industrie habe „faustdick gelogen“, um solche Einschränkungen abzuwenden, meint Martin Schüpbach. Dem Druck einer empörten Öffentlichkeit begegneten die attackierten Spanplatten – Hersteller im Inland vor gut einem Jahr mit einem freiwilligen Gütezeichen für giftarmes Pressholz.

Die Informationsstelle Umweltchemie weist auf den unverbindlichen Charakter solcher Regelungen hin, liegt doch die ganze Beweislast bei den betroffenen Bewohnern. „ Der Einwohner spielt dabei die Rolle eines Versuchskaninchens, bis klar ist, ob eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht“, verdeutlicht Martin Schüpbach die Misere.

„Mehr Gesundheitsschutz in der Wohnung erfordert die Umkehrung der Beweislast auf der Basis neuer gesetzlicher Regelungen“, hält die Informationsstelle Umweltchemie fest. Hersteller und Anwender müssten die unbedenkliche Verwendung ihrer Produkte im Wohnungsbau nachweisen. Ziel der befragen Kantonschemiker ist eine Positivliste erlaubter Stoffe, die einen präventiven Gesundheitsschutz garantieren könnte.

Kantonschemiker Roger Biedermann glaubt, Gift- und Lebensmittelgesetz sowie eine Verschärfung der Stoffverordnung sollten ausreichen, um das Problem auf Verordnungsstufe zu lösen, wenn man nur wollte. Beim BAG deutet freilich derzeit nicht viel auf ein forsches Handeln. Wie erklärt sich denn die hart kritisierte Abteilung von Albert Aebi die Aufregung der Kantonschemiker? „Sie stehen eben im Schussfeld, weil sich der Bürger an sie wendet“, antwortete der Bundesbeamte. Die Enttäuschung beruhe im übrigen auf Gegenseitigkeit, hätten die Kantone den Vollzug des Giftgesetztes doch zum teil auch verschlafen.

Zumindest in der Baubranche sorgen die Warnsignale der Kantonschemiker für Bewegung. Architekten besinnen sich auf die Wissenschaft der Baubiologie und versuchen, das Wohlbefinden des Menschen wieder ins Zentrum ihrer Tätigkeit zu stellen. Die Problematik der Raumluft-Belastung durch abbröckelnde Spritzasbest-Fasern hat die Gefahren moderner Bautechnik dem letzten vor Augen geführt. So sind denn natürliche Materialien erneut gefragt, man schont Energie, vermeidet Wasseradern und Störungszonen auf dem Baugrund.

Der Chemikalien-Boom hat das Arbeitstempo auf dem Bau zum Teil beträchtlich gesteigert. Doch der Preis, den wir alle dafür zahlen, ist hoch. Denn er ruiniert gleichzeitig die Gesundheit von Handwerkern und Bewohnern.

Beat Jordi

 
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